Blatter: "Die Zeit für Technologie ist gekommen"

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter spricht über die historische einstimmige Entscheidung des IFAB (International Football Association Board), den Einsatz von Torlinientechnologie im Fussball zuzulassen. Außerdem nimmt er vor Vertretern der Weltpresse Stellung zu zusätzlichen Schiedsrichterassistenten, seiner drastischen Meinungsänderung in puncto Technologie sowie zu der Notwendigkeit, das menschliche Gesicht des Fussballs zu bewahren.

Wie bedeutend ist dieser Tag für den Fussball?
Der heutige Tag, der 5. Juli 2012, ist ein historischer Tag für den internationalen Fussball und für den IFAB (International Football Association Board). Diese Organisation besteht nun seit 127 Jahren. Sie hat den Beschluss gefasst, Technologie in diesem Spiel einzuführen, allerdings ausschließlich Torlinientechnologie. Die Anwendung dieser Technologie im Fussball ist eine sehr moderne Entscheidung. Ihr kommt eine so große Bedeutung zu, weil der Fussball auf das Toreschießen ausgerichtet ist. Mit den neuen Techniken und Taktiken ist es schwer, Tore zu erzielen. Daher ist es hilfreich, Technologie zum Einsatz zu bringen, die uns dabei hilft zu erkennen, dass ein Tor erzielt wurde. Das ist eine Hilfe für den Schiedsrichter. Diese Technologie wurde eingefordert, und jetzt kann ich sagen, dass wir uns dafür entschieden haben.

Das klingt, als seien Sie glücklich und zufrieden mit dieser Entscheidung…
Ich bin glücklich. Ich bin zufrieden, dass wir nun voranschreiten können. Bei hochklassigen Wettbewerben und im entscheidenden Moment eines Wettbewerbs muss man Technologie einsetzen, wenn sie verfügbar ist. Wenn man das nicht tut, stimmt etwas nicht. Ich habe meine Einstellung zum Einsatz von Technologie aufgrund der Situation 2010 in Südafrika geändert [als der Engländer Frank Lampard gegen Deutschland ein Tor erzielte, das nicht gegeben wurde].

Das war für Sie der entscheidende Augenblick?
Ja, ich habe mir gesagt: "Du bist Präsident der FIFA und du kannst nicht zulassen, dass so etwas bei der nächsten Weltmeisterschaft wieder passiert." Deshalb haben wir im Herbst 2010 begonnen, die Technologie zu testen. Jetzt ist die Zeit gekommen. Das System ist verfügbar und mein Ziel ist es jetzt, es bis Brasilien 2014 einsatzbereit zu haben. 
 
Sie haben einmal gesagt, der Fussball dürfe sein menschliches Gesicht nicht verlieren.  Hat er es jetzt verloren?
Dies ist keine gefährliche Entwicklung, solange wir uns auf die Torlinientechnologie konzentrieren. Ich will keine Technologie in anderen Bereichen. Ich möchte, dass der Fussball sein menschliches Gesicht behält. Das wird mein Ziel bleiben, solange ich Präsident der FIFA bin. Wir müssen noch abwarten, wie es funktioniert. Wir müssen uns bewusst machen, dass es nur eine Hilfe für den Schiedsrichter ist.  

Sind Sie 100-prozentig sicher, dass die Technologie auf Torlinienentscheidungen beschränkt bleiben wird – auch unter Druck? Dass sie zum Beispiel nicht auch für Abseitsentscheidungen eingesetzt wird?
Ja, nur Torlinienentscheidungen. Es wäre ohnehin sehr schwer, diese Technologie für so etwas wie die Abseitsregel einzusetzen.

Was ging in Ihnen vor, als Sie sahen, dass Frank Lampards Tor in Südafrika aberkannt wurde?
Ich war absolut sprachlos. Ich konnte gar nicht reagieren. Ich war geschockt, dass das Tor nicht gegeben wurde. Am nächsten Tag, als ich mich wieder gesammelt hatte, gab ich die Erklärung ab, dass wir den Einsatz der Technologie in Betracht ziehen und nach einem einfacheren Weg der Implementierung suchen sollten.

Was ging in Ihnen vor, als Sie sahen, dass das Tor der Ukraine bei der UEFA EURO 2012 aberkannt wurde? Hat das die Argumentation für zusätzliche Schiedsrichterassistenten geschwächt? Schließlich standen sie dort hinter dem Tor und haben nicht zu einer richtigen Entscheidung beigetragen...
Nein. Der Fehler ist, dass allgemein davon ausgegangen wird, dass der Schiedsrichterassistent [hinter dem Tor] ein Torrichter ist. Das ist nicht der Fall. Das menschliche Auge kann dem Ball nicht folgen, es sei denn, er bewegt sich langsam. Das menschliche Auge kann einem Schuss wie diesem nicht folgen. Das ist unmöglich. Wir setzen die zusätzlichen Schiedsrichterassistenten nicht als Torrichter ein.

Einige Ligen oder Länder werden sich diese Technologie nicht leisten können. Ist das ein Problem?
Es gibt schon jetzt viele Ebenen im Fussball. Es gibt unterschiedliche Schichten. Wir bieten [den Einsatz der Technologie] für Wettbewerbe an, in denen es von zentraler Bedeutung ist zu wissen, ob ein Tor erzielt wurde oder nicht, damit wir sichergehen können, dass tatsächlich ein Tor erzielt wurde. In einem K.o.-System hat man keine Möglichkeit, sich von so einem Fehler zu erholen.

Geplant ist jetzt, die Technologie bis zur WM-Endrunde in Brasilien einsatzbereit zu haben?
Ja, mein Plan ist es, die Technologie 2014 in Brasilien einzusetzen. Wir werden das System auch für den Konföderationen-Pokal und die diesjährige FIFA Klub-Weltmeisterschaft verwenden.