Eine Woche im Leben eines Development Officer

Harold Mayne-Nicholls aus Chile, der als Goal-Development Officer in Asunción, Paraguay, arbeitet, berichtet über seine Arbeit und seine Gedanken zu dem Programm:
Es ist der zweite Montag im August 2002. In einigen Stunden werde ich das Flugzeug nach Lima besteigen. Meine Kollegen, andere Goal-Development Officer aus verschiedenen Ländern, prüfen vermutlich gerade ebenfalls ihre Tickets und Pässe. Vielleicht sind sie schon in der Luft oder noch am Boden, genießen die Sonne oder schützen sich vor dem Regen. Die Hoffnungen von Millionen von Menschen auf finanzielle Unterstützung ihrer Projekte reisen mit uns.
Es ist mein erster Besuch der Projekte, die für die Städte Piura im Norden und Tacna im Süden Perus geplant sind.
Der Andenstaat ist eines der fünf südamerikanischen Länder, die von "Goal" profitieren – einem eindeutigen Beleg dafür, dass die vom FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter während seiner Wahlkampagne 1998 beschriebene Vision in die Tat umgesetzt wird und nicht bloße Zukunftsmusik war.
Vor Antritt der Reise beginnt die Woche, wie jeder Tag, mit einem Blick in die südamerikanischen Zeitungen. Dank des Internet kann ich mir Nachrichten aus den Zeitungen vom heutigen Tag wie auch vom vergangenen Wochenende ansehen. Dadurch bin ich über die Fussballszene und die Neuigkeiten jedes Landes auf dem Laufenden. Ich erhalte so die Informationen, die für die Gespräche mit meinen Gastgebern unerlässlich sind.
"FIFA-Zeit"
Sobald ich informiert bin, gehe ich die e-Mails durch, die ich aus Lima und Zürich erhalten habe und vergleiche sie mit den Informationen, über die ich bereits verfüge, aktualisiere gewisse Dinge auf meinem Computer, die seit meinem letzten Besuch noch ungeklärt waren, packe meine Sachen und mache mich dann mit meinem treuen Koffer auf die Reise.
Carlos Franco, Architekt und Goal-Manager in Peru, wird mich am Flughafen von Lima treffen. Er hat die beiden Flugtickets nach Piura. Die größte Stadt im Norden des Landes ist etwa eine Stunde mit dem Flugzeug entfernt.
Dort und auch in Tacna ist der peruanische Fussball-Verband dabei, eine umfassende Infrastruktur für seine Fussballer zu schaffen. Vor einigen Jahren errichtete man bereits den Videna-Komplex in Lima, in dem sich die Verwaltungsbüros des Verbandes sowie ein Schulungszentrum für sämtliche Nationalmannschaften befinden (mit Spielfeldern, Schlafzimmern, Sporthalle, Gemeinschaftsräumen usw.) Im Juli 2001 wurde ein Sportzentrum in Chincha eröffnet, etwa zwei Stunden mit dem Auto von Lima entfernt, ausgestattet mit zwei Fussballplätzen, einer Sporthalle und Gästezimmern. Ziel ist es, mit Unterstützung von Goal eine Infrastruktur zu schaffen, die es ermöglicht, das Potenzial von Spielern auch in entfernt gelegenen Regionen des Landes zu entwickeln. Die heutige Reise soll dabei sicherstellen, dass die im Modell bei dem Treffen im Goal-Büro im November 2001 genehmigten Pläne ordnungsgemäß in die Tat umgesetzt werden. In der Dämmerung treffen wir ein. Empfangen werden wir von lokalen Fussballfunktionären und Ingenieuren der Baufirma und machen einen Zeitpunkt für die Inspektion aus: "Acht Uhr morgens." Alle lächeln. Sie wissen, das ist "FIFA-Zeit" und dass wir pünktlich erscheinen werden.
Abends machen wir einen inoffiziellen Besuch, um uns vor Ort von den Fortschritten der Arbeiten zu überzeugen und unsere Neugier zu befriedigen. Es ist zehn Uhr abends und die letzten Arbeiten sind noch im Gange. An der Metallstruktur des Sporthallendaches wird noch geschweißt.
Am folgenden Tag ist der Himmel zwar bedeckt, aber die Luft tropisch warm. Es ist heiß und feucht - aber uns erwartet doch eine angenehme Überraschung. Was vor einigen Monaten noch Brachland mit ungewisser Zukunft war, hat nun Form angenommen. Der Boden wurde planiert. Alles wurde gerodet und erwartet nun den Samen, der alles ergrünen lässt. Wo früher nichts war, sind jetzt drei Gebäude zu sehen. Im Eingangsbereich die zukünftigen Büros des Verbandes, zwischen den beiden Fussballplätzen die Umkleidekabinen und die Sporthalle sowie hinten das Wasserreservoir.
Eine angenehme Überraschung
Die Bauarbeiter unterbrechen kurz ihre Arbeit, als wir an ihnen vorbeigehen. Begleitet vom Lärm von Hämmern, Sägen und Zementmischmaschinen erfahre ich, dass der Verband von Piura vom alten Hauptquartier ohne jegliche Aufenthaltsräume hierher ziehen wird. Hier wird es fünf Büros, ein Sitzungszimmer, eine Rezeption sowie Sanitäreinrichtungen geben.
Es gibt zwei Umkleideräume. Sehr große, mit genügend Platz für 20 bis 25 Spieler. Wir halten uns hier ein paar Minuten auf. In einer der Duschen in der großen Umkleidekabine ist es zu dunkel. Ingenieure, Architekten und Fussballfunktionäre stehen um uns herum, jeder von ihnen hat Vorschläge zu machen. Schließlich entscheiden wir uns dafür, die Wand niedriger zu gestalten. Dadurch wird es genügend Licht in diesem Bereich geben, ohne dass die grundlegende Struktur beeinträchtigt wird.
Ein anderes Problem stellt sich in der Umkleidekabine der Schiedsrichter. Diesmal ist es weniger gravierend. Eine Mauer zwischen den Duschen und der Tür schafft ein Platzproblem für die Nutzer der Kabine. Weitere Vorschläge. Wir beschließen schließlich, die Mauer abzureißen. Die Schiedsrichter werden sich wohler fühlen. In der Turnhalle gibt es keine größeren Hindernisse. Der Vorsitzende des örtlichen Verbandes merkt jedoch an: "Wir brauchen mehr Mittel, um diese Halle noch mit Sportgeräten auszustatten."
Drei Stunden lang tauschen wir Gedanken aus und reden über Fussball. Nach der Inspektion wird etwas gegessen. Dabei überprüfen wir die Ausgaben des Bauunternehmens. Meine Kollegen machen sich auf den Weg zur Wassergesellschaft, um die Probleme zu klären, die das Verlegen des Rasens verzögern, während ich ins Hotel zurückkehre.
Aufenthalt in der Bibliothek
Nach Prüfen meiner e-Mails nehme ich ein Taxi zur öffentlichen Bibliothek. Ich möchte ein paar alte Zeitschriften durchlesen, um mehr über den Fussball hier in der Gegend zu erfahren. Ich blättere durch Piuras El Tiempo und entdecke faszinierende Informationen über die Änderungen, die es beim örtlichen Verein Atlético Grau gegeben hat, über die Errichtung des Miguel-Grau-Stadions sowie über die schwere Verletzung, die Guillermo Rojas vom Club Estrella Roja 1958 erlitt. Ich merke mir diese Informationen, denn sie lassen mich besser verstehen, wie sich der Fussball in den Städten und im Land entwickelt hat. Während des Mittagessens analysieren wir die investierten Mittel. Es gibt einige Fragen, die aber zur Zufriedenheit beantwortet werden können, und schließlich bleibt nur, sich für die Hilfe und die geleistete Arbeit zu bedanken. Alle scheint nach Plan zu laufen.
Später nehmen wir das Flugzeug nach Lima. Am Abend wird mit dem Vizepräsidenten des Verbandes, Manuel Burga, dem Generalsekretär Javier Quintana und dem Architekten Carlos Franco gegessen. Wir sprechen über Fussball. Ich muss einfach Nicolás Delfinos Präsidentschaft erwähnen (er nimmt gerade an einer Sitzung des Exekutivkomitees des CONMEBOL teil), der im Oktober 2002 zurücktreten wird. Perus Fussball erhält dank ihm eine herausragende Infrastruktur. Ein wirklich lobenswertes Beispiel.
Die nächsten Tage ähneln einander. Durchsehen und Beantworten von e-Mails, Lesen von Zeitungen. Ich finde immer wieder ein paar Minuten, um die öffentliche Bibliothek aufzusuchen. Ich entdecke eine Ausgabe von El Comercio aus dem Jahr 1930, in der es heißt, dass das Gesetz Nr. 6661 der Republik am 3. Januar verkündet wurde und besagt, dass die Regierung Perus eine Unterstützungszahlung in Höhe von 2.000 Pfund Sterling für das Training der Mannschaft zur Teilnahme an der ersten Weltmeisterschaft geleistet hat. Es gibt weitere Informationen, die deutlich belegen, wie ein einfaches Hobby allmählich zu dem wichtigen gesellschaftlichen Instrument wurde, das es heute ist.
Mit einem Arbeitsessen endet schließlich unser Inspektionsbesuch. Wir verständigen uns mit den Verbandsfunktionären über die bevorstehenden Aktivitäten für die feierliche Eröffnung der beiden Zentren. Diese ist für Oktober vorgesehen, wir müssen also langsam mit der Planung der Feierlichkeiten beginnen, um dem Ganzen den verdienten Rahmen zu geben.
Zwei neue Fragen
Nachdem wir uns verabschiedet haben, geht es zum Flughafen. Wir müssen nach Tacna, das liegt im Süden Perus. Dort ist es kalt. Wir kommen nachts an und vereinbaren, uns früh am nächsten Morgen mit Bauunternehmern und Fussballfunktionären zu einer Inspektion des Sportzentrums zu treffen. Die Arbeit an den Verwaltungsbüros ist weiter fortgeschritten als in Piura, aber bei den Fussballplätzen hinkt man dem Zeitplan hinterher. Vergleicht man den Baufortschritt bei den beiden Gebäudekomplexen, so steht es wohl unentschieden. Obwohl zwei unterschiedliche Bauunternehmen tätig sind, herrscht allgemeiner Enthusiasmus, überall wird mit Feuereifer gearbeitet.
Die Modelle ähneln sich von der Grundstruktur her, weisen aber ein unterschiedliches Layout auf: die Fussballplätze liegen auf gleicher Höhe, und da das Gelände nicht eingezäunt werden musste, konnte das verbleibende Geld in Tribünen für 700 Zuschauer investiert werden.
Wir erörtern einige allgemeine Punkte und gehen dann zu den Details über. Wir wissen, was in der Dusche der großen Umkleidekabine und in der Schiedsrichterkabine zu ändern ist. Viel müssen wir hierüber nicht reden.
Es gibt jedoch neue Probleme. Zunächst in Bezug auf den Sitzungsraum im Verwaltungsgebäude. Er muss einen neuen Ort finden, denn er geht auf zwei Büros und wird in der vorgesehenen Verwendung wohl nicht genügend Ruhe bieten. Außerdem können im Fussball die Wände sprechen. Dieses Detail wurde in Piura übersehen, doch wir können die Leute dort noch rechtzeitig warnen.
Das andere Problem ist eher grundlegender Natur: Die Tribünen benötigen Sanitärräume, aber diese sind weder in den Plänen noch in den Bauskizzen zu finden. Sie würden das Budget sprengen, sind für das Gebäude jedoch so wichtig wie ein Fussball für das Spiel. Wir finden einen idealen Ort. Die Männertoilette im Süden der Tribüne, die Damentoilette in der Nähe des Eingangs. Wir werden dafür schon die Mittel auftreiben.
Die Inspektion dauert nur ein paar Stunden. Wie gewohnt reden wir über Fussball und die Bauten. Anschließend warten wir auf die Presse, genau wie in Piura, denn die Publicity ist ein wichtiger Teil des Ganzen.
Engagement und Aufgabe
Später finde ich auf einem Büchermarkt ein Buch über die Geschichte des Fussballs in Tacna. Ich schnappe es mir für meine Sammlung, erfahre einige neue Fakten, da ich dort alles über die Entwicklung des Fussballs in Perus südlichster Stadt finde.
Als die Nacht hereinbricht, gehe ich eine Kostenrechnung durch. Es ist an der Zeit, das Königreich der Inkas zu verlassen. Ein Taxi bringt mich in 90 Minuten zum Flughafen von Arica, einer Stadt in der Nähe der chilenischen Grenze, und so spare ich ein paar Stunden. Würde ich nach Lima zurückkehren, müsste ich um Mitternacht noch unterwegs sein. Ich werde also ausgeruhter in den morgigen Tag gehen können, um die Woche zum Abschluss zu bringen - Papiere ordnen, Briefe verschicken, neue Zahlungen anfordern und die nächste Inspektionsreise ausarbeiten.
Die Verantwortung der FIFA Development Officers beschränkt sich nicht auf das Errichten von Komplexen oder auf das FIFA-Büro in Zürich oder auf Verhandlungen mit Architekten und Bauunternehmen. Bei unserer Arbeit geht es offensichtlich um die Zukunft des Fussballs.
An dieser Zukunft wird dank des Goal-Programms in zahlreichen Ländern gebaut. Die anonymen Bauarbeiter werden nichtsahnend Stein auf Stein setzen, Nägel einschlagen und Zement anrühren und sich vielleicht nicht viel dabei denken. In Wirklichkeit lassen sie die Träume Tausender wahr werden, die hoffen, ihre fussballerischen Fähigkeiten zu verbessern.
Unser Engagement und unsere Arbeit dienen denen, die mit Hilfe des Fussballs ihr persönliches Lebensziel erreichen wollen.
Goal

Das Goal-Programm
· Ins Leben gerufen vom FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter zum Wohle der nationalen Verbände; das Programm wurde 1998 vom außerordentlichen FIFA-Kongress in Los Angeles ratifiziert
· Maßgeschneiderte Entwicklungs- und Hilfsprogramme zur Verwirklichung von Projekten zur Befriedigung der spezifischen Bedürfnisse der nationalen Verbände
· Gesamtbudget in Höhe von CHF 100 Mio. über einen Zeitraum von vier Jahren (1999 – 2002)
· Überwachung seitens des Goal-Büros, zu dem Vertreter jeder Konföderation gehören und das für die Auswahl der nationalen Verbände und die Genehmigung von Projekten unter dem Vorsitz von Mohamed Bin-Hammam (Katar) verantwortlich ist
Zielsetzung
· Förderung der Entwicklung des Fussballs und seiner weltweiten Bedeutung
· Stärkung der nationalen Verbände
· Angleichung von Standards und Infrastrukturbedingungen weltweit. Die Projekte sollten die Bedürfnissen und Prioritäten der nationalen Verbände im Rahmen des Goal-Programms befriedigen. Sie umfassen:
o neue und renovierte Zentralen, die eine eigenständige Verwaltung des Fussballgeschehens ermöglichen
o Technische Zentren zur Schulung der Jugend- und A-Nationalmannschaften und zum Abhalten von Trainer- und Schiedsrichterlehrgängen; sowie Jugend- und Kinderförderaktivitäten
o Künstliche Rasenplätze um das ganze Jahr über Spielgelegenheit zu bieten
o Naturrasenplätze zur Verbesserung der Quantität und der Qualität der Spielmöglichkeiten auf nationaler und regionaler Ebene
o Erneuerung der Tribünen in Fussballstadien zur Erhöhung des Komforts für die Zuschauer
o Renovierung von Fussballschulen für die Jugend und die Allerkleinsten
o Bildungsprogramme
Fakten und Zahlen
· Anzahl der nationalen Verbände, die gegenwärtig von Goal profitieren: 117
· Anzahl der bereits eingeweihten Projekte (Stand August 2002): 20
· Bisher ausgegebene Mittel (bis August 2002): CHF 50 Mio.
Ein über Goal finanziertes Trainingszentrum wird gegenwärtig für die Nationalmannschaften Venezuelas auf der Karibikinsel Margarita errichtet.

Fotos: Goal. Ein neues Trainingszentrum wir für den bolivianischen Fussballverband in Vinto errichtet. Rechts: Harold Mayne-Nicholls (Mitte) bei einem Treffen in Asunción mit Vertretern der Verbände Ecuadors, Boliviens und Venezuelas. Harold Mayne-Nicholls macht den ersten Spatenstich für das neue Trainings-Zentrum des paraguayischen Fussballverbandes in Ypané.
Entwicklungs-Büros
Jedes sogenannte Development Office (DO) wird von einem Development Officer geführt, einem ausgewiesenen technischen Experten und Verwaltungsfachmann mit umfassender Erfahrung in der Welt des Fussballs und profunden Kenntnissen der jeweiligen Region, in der sich das Entwicklungs-Büro befindet. Vor Ort werden Leute eingestellt, um den Leiter des Büros bei der Verwaltungsarbeit und anderen Aktivitäten zu unterstützen. Jedes DO ist verantwortlich für die Entwicklungsarbeit von 15 bis 20 nationalen Verbänden. Goal ist eines der anspruchsvollsten FIFA-Förderprogramme, für das eine eigene professionelle Organisation auf die Beine gestellt wurde, um die komplexe und schwierige Aufgabe der weltweiten Umsetzung des Programms handhaben zu können. Die Organisation umfasst ein zentrales Goal Management Team in Zürich (einschließlich DO-Zürich am FIFA-Hauptquartier, das alle Projekte in Europa koordiniert, die nicht vom DO in Moskau abgedeckt werden) sowie elf weitere Entwicklungs-Büros in den sechs Konföderationen. Die elf Development Offices und ihre Leiter: (Link zur DO-Seite)