Ekstrand: "Auf Kunst- und Naturrasen besteht insgesamt das gleiche Verletzungsrisiko"

Angesichts der laufenden Debatte um Kunstrasen im Fussball sprach FIFA.com mit Jan Ekstrand, Professor in Sportmedizin, in den 80er- und 90er-Jahren Arzt der schwedischen Nationalmannschaft und derzeit Vizevorsitzender der Medizinischen Kommission der UEFA. Als Direktor der schwedischen Fussballforschungsgruppe leitete er verschiedene Studien zum Verletzungsrisiko auf Kunstrasen, die nützliche wissenschaftliche Daten zu dieser Debatte beisteuern können.

Was für Studien haben Sie zu Kunstrasen durchgeführt?
Vor etwa zehn Jahren haben die FIFA und die UEFA beschlossen, gemeinsam Verletzungen auf Kunstrasen zu erforschen. Die UEFA, konkret meine Forschungsgruppe, wurde mit einer Studie zum Elitefussball in Europa beauftragt. Mit Spitzenteams, die all ihre Heimspiele auf Kunstrasen, ihre Auswärtsspiele aber auf Naturrasen austragen, haben wir eine Studie durchgeführt, um die Verletzungshäufigkeit auf beiden Unterlagen zu vergleichen. Die Studie wurde hauptsächlich in Skandinavien, aber auch in den Niederlanden und der Schweiz vorgenommen. Wenn wir von Kunstrasen sprechen, meinen wir von der FIFA zertifizierten Kunstrasen, das heißt Kunstrasen der dritten Generation.

Gibt es auf Kunstrasen mehr Verletzungen als auf Naturrasen?
Die Ergebnisse aller Studien – unserer zum Elitefussball, aber auch anderer zum Amateur- und Jugendfussball sowie in anderen Regionen wie Amerika – sind absolut identisch: Auf Kunst- und Naturrasen besteht insgesamt das gleiche Verletzungsrisiko. Wie alle Studien ergeben haben, gibt es auf von der FIFA zertifiziertem Kunstrasen nicht mehr Verletzungen. Einige Studien haben aber geringfügige Unterschiede im Verletzungsmuster gezeigt. So gibt es auf Kunstrasen mehr Verletzungen an den Knöchelbändern, dafür weniger Muskelverletzungen. Zu beachten ist, dass unsere Studien nur Verletzungen untersuchten, die eine Trainings- oder Spielpause zur Folge hatten. Muskelkater oder Rückenschmerzen, die einige Spieler und Teams meldeten, wurden deshalb nicht berücksichtigt.

Gibt es langfristige Studien für Spieler, die regelmäßig auf Kunstrasen gespielt haben?
Unsere Studien konzentrierten sich auf kurzfristige Verletzungen mit Trainings- und Spielpause. Zu den langfristigen Folgen des Fussballspielens gibt es weder für Kunst- noch für Naturrasen Studien, weil eine angemessene Nachuntersuchung nach 20 oder 30 Jahren extrem schwierig ist.

Was ist mit Verbrennungen an den Beinen nach Zweikämpfen auf Kunstrasen? Solche Verletzungen sind auf Naturrasen doch wohl kaum zu beobachten?
Zu unserer Überraschung gibt es auch hier keinen Unterschied. Auf den ersten Kunstrasenfeldern in den 70er-Jahren, die nichts anderes als ein Plastikteppich waren, was heute nicht mehr der Fall ist, waren das die häufigsten Verletzungen. Auf Naturrasen haben wir sogar mehr Verbrennungen an den Beinen festgestellt. Ich glaube, dieser Irrglaube kommt aus den 70er-Jahren, als Kunstrasen aufkam.

Wie steht es um die Rehabilitation, die auf Kunstrasen offenbar länger dauert als auf Naturrasen?
Auch hier gibt es keinen Unterschied. Alle Studien sind zum gleichen Schluss gekommen.

Macht die Qualität des Rasens einen großen Unterschied?
Das wissen wir nicht, weil es so viele verschiedene Kunstrasenarten gibt, aber keine Studien, die alle verschiedenen Parameter berücksichtigen. Der Unterhalt ist ebenfalls ein sehr wichtiger Aspekt, der bislang aber noch nicht untersucht wurde. Unsere Studien kommen zu einem allgemeinen Schluss: Die Verletzungen sind auf beiden Unterlagen ähnlich, und die Rate auf Kunstrasen ist generell nicht höher. Es gibt aber noch einige offenen Fragen: zum Beispiel zur Wirkung des Unterhalts oder zur Bauart des Spielfelds.

Und was ist mit der Qualität des Naturrasens?
Das ist eine gute Frage. In der Regel verglichen wir zwischen Kunstrasen und gutem Naturrasen. Aber die Realität sieht anders aus. Oftmals sind die Naturrasenfelder in schlechtem Zustand. Ich schlug einmal vor, alle Spielfelder zu testen, so wie wir das bei von der FIFA zertifiziertem Kunstrasen tun, aber wirtschaftlich wäre das kaum machbar. Aus eigener Erfahrung in Skandinavien weiß ich, dass fast bei der Hälfte aller Elitespiele auf Kunstrasen gespielt wird, weil so die Saison verlängert werden kann und der Unterhalt einfacher ist. Die Alternative wäre wegen der klimatischen Bedingungen schlechter Naturrasen.

Einige Spieler sagen ja, dass das Spiel auf Kunstrasen anders sei. Beeinflusst Kunstrasen den Körper?
Es ist in der Tat so, dass Kunstrasen bei Elitetrainern und -spielern nicht sehr beliebt ist. Das hängt mit den schlechten Erfahrungen mit den ersten Kunstrasenplätzen zusammen, entbehrt aber jeder wissenschaftlichen Grundlage. Die möglichen Auswirkungen auf das Spiel wurden in verschiedene Tests integriert, wobei kein Unterschied festgestellt wurde. Die Wahrnehmung ist das eine, die Realität das andere. Ich war bei den meisten Spitzenklubs in Europa, und fast alle haben erstklassige Kunstrasenplätze, die in der Regel zwar nicht von der ersten Mannschaft, aber häufig von der eigenen Fussballschule fürs Training genutzt werden. Ich denke, es ist eine Frage der Zeit. Für die neuen Generationen aus den Fussballschulen wird es normal sein, auf Kunstrasen zu spielen.

Manchmal wird behauptet, es sei für "ältere" Spieler härter/schwieriger, auf Kunstrasen zu spielen. Was sagen Sie dazu?
Es gibt keine Studie, die dies belegt. Ich glaube, es hängt mehr damit zusammen, dass ältere Spieler älter sind und es zum Beispiel mit dem Alter vermehrt zu Muskelverletzungen kommt, wie wir wissen. Kunstrasen könnte also für ältere Spieler sogar besser sein, da das Risiko für Muskelverletzungen auf Kunstrasen wie erwähnt geringer ist.

Würden Sie nach all Ihren Studien sagen, dass Kunstrasen sicher ist?
Ja, absolut, sofern es ein Kunstrasen mit einer gewissen Qualität ist.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Nein. Wir haben das untersucht und keine Unterschiede festgestellt. Aber es gibt eben dieses Vorurteil. In Schweden zum Beispiel ist bei jeder schweren Knieverletzung einer Spielerin der Kunstrasen schuld, was absolut falsch ist, weil es dafür keine wissenschaftliche Grundlage gibt.