Freude, Stolz und Dankbarkeit

Isidore Mwouba ergreift die rechte Hand von Issa Hayatou, drückt sie kräftig und sagt dem Präsidenten der afrikanischen Fussballkonföderation (CAF) und FIFA-Vizepräsidenten: "Das ist einfach großartig und so wichtig für unser Land!"

Der Premierminister der Republik Kongo ist sichtlich gerührt. Im Rahmen des FIFA-Projekts "In Afrika mit Afrika gewinnen", das von FIFA Präsident Joseph S. Blatter lanciert wurde, erhält jeder der 53 afrikanischen Mitgliedverbände einen hochwertigen Kunstrasen. An diesem 18. Januar wird in Kongo die erste Spielfläche eingeweiht - und wie!

Bleierne und feuchte Hitze liegt über Pointe-Noire, mit rund 900.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt und dank Erdölvorkommen das Wirtschaftszentrum der Nation. Der Schweiß schießt selbst Einheimischen nur so aus den Poren. Hemden sind innerhalb wenigen Minuten klatschnass, es wird nicht einfach geatmet, sondern nach Luft geschnappt. Trotz einer Glutofenhitze herrscht vor dem Stade Municipal keinerlei Lethargie. Musik- und Tanzgruppen präsentieren sich in Höchstform, aus riesigen Boxen tönen ebenso laut afrikanische Klänge. Vor den Toren der schmucken Kleinarena recken Tausende von Schaulustigen ihre Hälse und Köpfe, um ja nichts vom bunten und einmaligen Treiben auf dem Stadiongelände zu verpassen.

Pointe-Noire ist in Feststimmung. Eine Stadt feiert die FIFA, die CAF, die Landesregierung und sich selbst. Hunderte von Gästen fahren vor, zum einen im Anzug und Krawatte, zum anderen in farbenfrohen und prächtigen Gewändern. Einer Oscar-Verleihung gleich schreiten sie auf einem roten Teppich zu ihren Sitzplätzen auf einer provisorisch installierten Tribüne vor dem Haupteingang des Stadions. Die riesige Schar von Schaulustigen drängelt sich am Zaun. Mit tosendem Applaus, Anfeuerungsrufen und Gesängen werden Gäste aus Nah und Fern begrüßt.

Hohe Regierungsvertreter sind gekommen, neben dem Premierminister auch der Sportminister. Ihre Aufwartungen machen auch Diplomaten aus Angola, Togo und der Volksrepublik China - eine chinesische Firma baute das Stadion. Ebenfalls anwesend sind neben Issa Hayatou weitere CAF-Repräsentanten sowie Vertreter des Weltfussballverbandes. FIFA-Präsident Joseph S. Blatter dagegen vermochte die Reise in den zentralafrikanischen Staat leider nicht mitzumachen, da er zur selben Zeit den Kongress der Ozeanischen Fussballkonföderation (OFC) in Papua-Neuguinea besuchte.

Glücklich und stolz
Die Republik Kongo steht nicht nur für eine kriegerische Vergangenheit, für Armut und Korruption, sondern auch für Lebensfreude, Begeisterung, Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Dankbarkeit. Das wird gerade ausländischen Besuchern an diesem 18. Januar eindrücklich vor Augen geführt.

Als Mwouba in Hayatous Beisein das Stadion und den Kunstrasen mit Durchschneiden eines Bandes offiziell einweiht und seinen Bestimmungen übergibt, sitzen im Stadioninneren 13.600 Zuschauer bestens gelaunt auf roten, grünen und gelben Schalensitzen, den Farben der kongolesischen Flagge. Die schmucke Arena, gerade rechtzeitig für die Endrunde der Afrika-Meisterschaft der U-20-Fussballer fertig geworden, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die ersten Besucher sollen schon drei Stunden vor der Einweihung eingetroffen sein, und das an einem gewöhnlichen Donnerstag und bei brütender Hitze.

"Sehen Sie, was der Weltfussballverband hier bewirkt!", sagt der Premierminister. "Bitte richten Sie dem FIFA-Präsidenten herzliche Grüsse von mir aus und überbringen Sie ihm meinen tiefsten Dank. Dieser Kunstrasen erlaubt nun vielen Jugendlichen, Amateur- und Nationalspielern, auf einer erstklassigen Unterlage ihren Lieblingssport auszuüben. Aber nicht nur die Spieler sind glücklich und geehrt, sondern auch die Fans, die Stadt, ja das gesamte Land." Auch Antoine Ibovi, Präsident des kongolesischen Fussballverbandes, ist entzückt. Selten habe er seine Landsleute so glücklich und so stolz gesehen wie an diesem Tag.

Sintflutartiger Regen
Der Freude am neuen Stadion und dem Kunstrasen taten auch die sintflutartigen Regenfälle keinen Abbruch, die drei Tage danach in Pointe-Noire niedergingen. Beinahe hätten die ersten Spiele des U-20-Turniers in der Küstenstadt abgesagt werden müssen. Mit 40 Minuten Verspätung fanden die Partien Nigeria gegen Sambia und Kamerun gegen Ägypten dann doch statt. Auf Naturrasen hätte ob der enormen Wassermassen bestimmt nicht gespielt werden können.

Der Regen setzte der guten Laune der Bevölkerung von Pointe-Noire keineswegs zu. Wiederum waren viele von ihnen ins Stadion gekommen, abermals hüpften sie Kleinkindern gleich auf den farbigen Plastiksitzen herum, sangen und lachten.

Info Republik Kongo
Die Republik Kongo - nicht zu verwechseln mit der südwestlich gelegenen Demokratischen Republik Kongo - liegt in Zentralafrika, ist 342.000 Quadratkilometer groß und zählt 3,9 Millionen Einwohner. In der Hauptstadt Brazzaville leben 1,1 Millionen Menschen, in Pointe-Noire knapp 900.000. 98 Prozent der Staatsbevölkerung sind Bantuvölker. Die Nation erlangte am 15. August 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich.

Trotz umfangreicher Ressourcen an Erdöl (daraus resultieren rund 90 Prozent der Exporterlöse), tropischem Regenwald (über 57 Prozent der Landesfläche) und landwirtschaftlich nutzbaren Flächen ist die Wirtschaft noch immer durch Massenarbeitslosigkeit, schlechten Zustand der Regierungs-, Verwaltungs- und Infrastrukturen, Korruption sowie extreme Außenverschuldung und hohen Importbedarf an Nahrungsmitteln gekennzeichnet.

Die Republik Kongo zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Gemäss dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel muss die Mehrheit der Einwohner mit einem Tagesverdienst von umgerechnet rund 1,50 Euro auskommen.

Drei Bürgerkriege zwischen 1997 und 2003 haben eine unbekannte Anzahl an Todesopfern - gewissen Quellen zufolge bis zu 300.000 - gefordert und angeblich einen materiellen Schaden von zwei bis drei Milliarden Euro hinterlassen.

Das Staatsoberhaupt ist der Präsident, der zugleich Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist. Seit 1997 ist Denis Sassou-Nguesso zum zweiten Mal in diesem Amt.

Fussballerisch sind die Kongolesen noch nicht sehr oft in Erscheinung getreten. Die Nationalmannschaft, im Volksmund Les Diables Rouges (Die Roten Teufel) genannt, gewann 1972 den Afrikanischen Nationen-Pokal. Für einen FIFA-Wettbewerb vermochte sich das Land bislang noch nicht zu qualifizieren. Gegenwärtig liegt es in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste lediglich auf dem 89. Platz. Im April 1996 war die Republik Kongo, deren Fussballverband 1962 gegründet worden war und seit 1964 FIFA-Mitglied ist, gar an 139. Stelle klassiert.